Die letzten Monate haben die Relevanz fossiler Energieflüsse für die Industrie- und Konsumgesellschaften westlicher Provenienz in einer Art und Weise verdeutlicht, wie es seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr der Fall war, gleichwohl uns die entscheidenden Monate erst noch bevorstehen. Das Abhängigkeitsnetz verschiedener, für die deutsche Wohlstandsrepublik unerläßlicher Produktionsprozesse tritt dank der außerordentlichen Energiepreissteigerungen offen zutage: ArcelorMittal stellt seine Stahlproduktion teilweise ein, die Tiefkühlketten zur Bereitstellung der uneingeschränkten Lebensmittelverfügbarkeit stehen vor der partiellen Abschaltung, und die industrielle Düngerproduktion gerät ins Stocken.

Hohe Ölpreise führen nicht zu einem Umstieg auf grünere Alternativen, wie es sich »grüne« Kapitalisten stets erträumen, sondern zu einer Kontraktion des ökonomischen Systems: Rezession und ein aufgrund sinkender Nachfrage wieder fallender Ölpreis sind die Folgen. Die Technikoptimisten beider Lager, seien es Anhänger eines »grünen« Wachstums oder eines Business as usual, die nicht müde werden, entweder eine reibungslose Substituierbarkeit des Öls zu verkünden oder den sich abzeichnenden Förderrückgang konventionellen Öls über unkonventionelle Quellen kompensieren zu wollen, werden Lügen gestraft. Der kurze Moment, in dem sich kapitalintensive Fördermethoden wie die massenhafte Verarbeitung des Orinoko-Schweröls flächendeckend lohnen würden, ist so schnell vorüber, wie er gekommen ist, während die Verfügbarkeit erschwinglicher Windkraft- und Photovoltaikanlagen selbst auf einer reichlichen und billigen Versorgung mit fossilen Rohstoffen beruht: Wird das Barrel Öl unbezahlbar, kann sich auch niemand mehr eine Photovoltaikanlage als Ersatz leisten.

Die Selbsttäuschung, sich von den energetischen Grundvoraussetzungen der Moderne abgekoppelt zu haben, wird durch den Krieg in der Ukraine in ihre Einzelteile zerbröselt. Da können auch realistischere Stimmen wie die der taz-Redakteurin Ulrike Herrmann durchstoßen, die derzeit mit der schonungslosen Darlegung der Konsequenzen einer vollständigen Dekarbonisierung unserer Gesellschaften durch die Diskussionsrunden der Republik wandert: Allein die deutsche Chemieindustrie benötige 685 Terawattstunden (TWh) grünen Stroms (Stromverbrauch in Deutschland 2021: 508 TWh). Ob diese Erkenntnis mit all ihren Implikationen bis nach Berlin vordringt, bleibt hingegen fraglich.

Freilich gehört zur Realität auch, daß die Krise hausgemacht ist: Ohne die weitreichenden Sanktionen gegen Rußland existierte die aktuelle energetische Notlage nicht. Dennoch wird wie schon während der Ölkrise in den 1970ern offenbar: Fällt ein gewichtiger Akteur im globalen Geflecht der Energieversorgung aus, kontrahiert das System. Und es gilt heute, aller Schönfärberei zum Trotz, was bereits in den 1970ern galt: Ohne billiges Öl stottert der Wachstumsmotor. Zeit für dritte Wege, die eine grundlegende Alternative zum Status quo darstellen.

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