Es ist soweit: Der nächste Kehre-Jahrgang steht ins Haus. War das 50jährige Jubiläum des Club-of-Rome-Berichts Grenzen des Wachstums der eigentliche Anlaß, in der Kehre 9 der Frage nachzugehen, ob den Industrie- und Konsumgesellschaften die Ressourcen ausgehen und somit die natürlichen Grenzen des Wachstums erreicht werden, hat der Angriff Rußlands auf die Ukraine dieser Frage eine neue Dringlichkeit beschert. Je nachdem, wie dieser Krieg weiterverläuft, könnte er sich zu einer neuen Rohstoffkrise ähnlich der Ölkrise der 1970er Jahre auswachsen. Da Rußland im 21. Jahrhundert bisher ein verläßlicher Lieferant unterschiedlichster Rohstoffe – Öl, Gas, Kohle, Palladium usw. – gewesen ist, ergibt sich ein gänzlich anderes rohstoffliches Krisenszenario als noch beim Saudi-Ölschock im letzten Jahrhundert.

Schon jetzt führt uns die militärische Eskalation in der Ukraine schmerzlich vor Augen, daß wir allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz weiterhin am fossilen Zapfhahn hängen. Bereits vor dem 24. Februar ließ sich anhand der steigenden Ölnachfrage und einer Verknappung des Angebots feststellen, daß die während der COVID-Pandemie aufgestellte Behauptung seitens der Öl-Multis und Energieexperten von einem Peak demand wohl zu voreilig getroffen wurde. Der Ölverbrauch war wieder auf dem direkten Weg zu seiner Prä-COVID-Bestmarke von rund 100 Mio. Barrel täglich.

Rußlands Angriff löste in diesem angespannten Markt einen Schock aus, der so tief saß und für lange Zeit noch sitzen wird, daß selbst die größten Feinde der fossilen Rohstoffe, die Grünen, es erwägten, den deutschen Kohleausstieg, ja sogar den Atomausstieg auszusetzen. Es zeigt sich, daß wir auch 50 Jahre, nachdem die Grenzen des Wachstums veröffentlicht wurden, kein bißchen weniger von Öl, Gas und Kohle abhängig sind als damals. Diese Abhängigkeit ist ungeachtet aller energiepolitischen Nebelkerzen eher noch größer geworden. Doch wie bei der Ölkrise in den 1970ern bietet der aktuelle Energieschock die Möglichkeit zum Innehalten. Ersticken wir im Überfluß? Brennen wir in dieser gewaltigen Maschine mit ihrer Eigenlogik des Fressens aus? Wie die Beine aus dem Ölschlamm ziehen, in dem wir bis zur Gürtellinie stehen?

Die neue Kehre verdeutlicht: Die Industrie- und Konsumgesellschaften westlicher Provenienz sind von einem feinaustarierten globalen Rohstoffluß abhängig. Wird dieser signifikant gestört, gerät die globale Ökonomie ins Schlingern. Die Gewährleistung des (Waren-)Überflusses stößt an seine Grenzen: Es droht Mangel, und das nicht nur im Westen, sondern bspw. durch den Ausfall landwirtschaftlicher Erzeugnisse auf eine die Subsistenz bedrohende Weise auch in Afrika. Was als unverrückbar erscheint – die monolithische Dominanz des Westens –, bekommt Risse und zeigt sich instabiler als es vordergründig den Anschein erweckt.

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An dieser Stelle noch ein kurzer Überblick über die Abhängigkeit von der russischen Rohstoffproduktion, um die Fragilität unserer Rohstoffversorgung aufzuzeigen. Zwar sind diese Rohstoffe auch in anderen Ländern zu finden und förderbar, doch kommt es nicht auf ihre generelle Verfügbarkeit allein an, sondern ferner auf Transportwege, Güte der Rohstoffvorkommen, höhere Produktionskosten, steigende Rohstoffpreise durch Verknappung des Angebots u.a.

Es gilt die Faustregel: Signifikantes wirtschaftliches Wachstum und die daran gekoppelte Wohlstandsproduktion kann nur mit Hilfe billiger Energie aufrechterhalten werden. Verteuert sich diese oder verringert sich das verfügbare energetische Surplus, kommt es zur Kontraktion des kapitalistischen Wirtschaftssystems, zur Rezension.

I. ÖL

Im Jahr 2019 förderte Rußland 560,3 Millionen Tonnen Erdöl. Damit belegte Rußland Platz 2 auf dem Treppchen der globalen Erdölproduzenten, knapp hinter den USA und mit einem kleinen Vorsprung vor Saudi-Arabien. Dabei liegt Russlands Marktanteil an den europäischen Ölimporten bei etwa 30 Prozent.

Ein wesentlicher Anteil, der, wenn er wegfallen würde, erhebliche wirtschaftliche Negativfolgen zur Folge hätte. Darüber hinaus würde die eingeschränkte globale Verfügbarkeit der 560 Millionen Tonnen die bereits angespannte Lage auf Ölmarkt weiter verschärfen. Die steigenden Preise für ein Barrel Öl geben einen Vorgeschmack auf dieses Szenario.

II. Gas

Von allen fossilen Rohstoffen, die Europa aus Rußland bezieht, herrscht beim Erdgas das stärkste Abhängigkeitsverhältnis. Das liegt unter anderem an der importierten Menge (55 Prozent der deutschen Gasimporte), jedoch vor allem an der Infrastruktur. Während russisches Gas per Pipeline bezogen wird, kann Gas aus den USA oder dem neuen bundesdeutschen Energielieferanten Katar nur als verdichtetes LNG (Flüssiggas) verschifft werden.

Dafür braucht es eine eigene Infrastruktur mit speziellen LNG-Terminals, die in der Bundesrepublik nicht existiert und in anderen europäischen Staaten gemessen an dem Ausfall, der an Gas zu kompensieren wäre, nicht ausreicht.

Außerdem käme es beim Wegfall des russischen Gases auf dem Weltmarkt zu einer ähnlichen Dynamik der Verknappung wie beim Öl. Höhere Preise wären die Folge, wie wir sie bereits schon erleben. Ungeachtet dessen, daß eine Gasversorgung ohne russisches Gas theoretisch möglich wäre, würde Gas aus LNG-Importen teuer bleiben. Im Vergleich zu Nord Stream 2 ist LNG ein Notbehelf.

III. Kohle

Daß man Rohstoffe nicht nach Gutdünken substituieren kann, zeigt sich anhand russischer Steinkohle. Ähnlich wie beim Öl ist Europa vom Import des fossilen Energieträgers aus Rußland abhängig. Rund 60 Prozent der für den europäischen Kraftwerksgebrauch importierten Steinkohle stammt aus russischem Bergbau.
Abgesehen von den geringen Kosten nutzt man die russische Kohle wegen ihrer herausragenden Qualität: Sie ist vergleichsweise schwefelarm. Beim Umstieg auf andere Kohlelieferanten müßte je nach Güte der importierten Kohle, die Kraftwerkstechnik darauf angepaßt werden (siehe Emissionsrichtlinien). Erschwerend kommt hinzu, daß die Nachfrage auf dem Kohlemarkt durch die Verteuerung von Gas steigt. Die Stromerzeugung aus Gas wird zunehmend unrentabler, weswegen man auf die »noch« billigere Kohle ausweicht.

Bloß billig wird sie unter den gegebenen Bedingungen kaum bleiben.

IV. Nickel

Die dramatischeren Preisentwicklungen spielen sich indes außerhalb der fossilen Rohstoffe ab. Ein Beispiel dafür ist Nickel. Ohne Nickel können keine Batterien hergestellt werden: Die E-Autoproduktion ist von dem Metall abhängig. Jedoch wird das russische Nickel hauptsächlich für die Produktion von rostfreiem Stahl verwendet, was zuallererst die Stahlproduzenten in Produktionsschwierigkeiten bringen wird. Ungeachtet dessen flackert der Nickelpreis seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine zwischen Allzeithochständen (zwischenzeitlich 51.214 Dollar die Tonne): Aktuell steht er bei 35.526 Dollar die Tonne. Am Anfang des Jahres belief sich der Nickelpreis noch auf 21.000 Dollar.

Absehbar werden die Teslas, die aus dem Werk in Grünheide vom Band laufen, also teurer werden. Abseits der E-Auto-Produktion betrifft das Problem jedoch den gesamten Autobau, da es bei allen Lieferketten zu Engpässen und Verteuerungen kommt. Darüber hinaus steckt Nickel im verbauten Edelstahl der Karosserien.

V. Aluminium

Rußland ist nach China der größte Aluminiumproduzent der Welt. Daher sind auch auf dem Aluminiummarkt ähnliche Entwicklungen wie bei Nickel zu beobachten. Was die Lage zusätzlich verschärft, sind die gestiegenen Energiekosten, da die Aluminiumproduktion zu den energieintensivsten in der Metallherstellung gehört.

3.593 Dollar kostet die Tonne aktuell. Anfang 2021 waren es noch rund 2.000 Dollar.

VI. Ammoniak

Was bei der Problematik steigender Rohstoffpreise und der Verknappung des Rohstoffangebots bei der Diskussion gerne unter den Tisch fällt, sind ihre Auswirkungen auf die Nahrungsproduktion. In diesem Zusammenhang geben unter anderem die Entwicklungen auf dem Düngermarkt Anlaß zur Sorge.

Beispielsweise ist der Ammoniakpreis durch den gestiegen Erdgaspreis in die Höhe geschossen. Und der größte Exporteur von Ammoniak ist: Rußland. Betrachtet man die Preise für Kali oder Phosphat wird einem schwindlig: Diammoniumphosphat wird für teils 800 Euro die Tonne verkauft, üblich sind Preise um 400 Euro. Das schlägt sich logischerweise in den Lebensmittelpreisen nieder: Die Brotpreise werden steigen und Lieferketten sind aufgrund der höheren Energiepreise bereits jetzt unterbrochen (Gemüselieferungen aus Spanien fallen zunehmend aus, da die Spediteure streiken).

VII. Weizen

Neben Holz stellt Weizen einen der relevantesten organischen Rohstoffe dar, den Rußland produziert. 75,5 Mio. Tonnen des Getreides wurden im letzten Jahr auf dem Gebiet des eurasischen Großflächenstaates geerntet. Mit 17 Prozent Anteil am weltweiten Weizenangebot belegen die Russen den ersten Platz unter den Weizenexporteuren.

Gleichwohl wir in Deutschland anders als Staaten in Nordafrika auf das russische Getreide nicht angewiesen sind, könnte ein Stopp der Exporte jedoch die Weizenpreise weiter in die Höhe schießen lassen. Eine für den Monat Mai bestellt Tonne kostet aktuell 378 Euro. Im März 2021 zahlte man nur 200 Euro. Ähnlich wie beim Dünger haben sich dir Preise hier fast verdoppelt.

Während die russischen Äcker sehr wahrscheinlich eine Aussaat dieses Jahr erleben werden, sind für die Ukraine hingegen relevante Ernteausfälle zu erwarten. Viele Felder werden dieses Jahr nicht bestellt werden. Wir steuern also auf eine prekäre Lage am Weizenmarkt zu.
Teure Tankfüllungen könnten noch unsere geringste Sorge gewesen sein.

Insgesamt ist die Rohstoffsituation äußerst angespannt. Sollte man mit Rußland nicht wieder zu einem entspannteren Umgang übergehen, wonach es im Moment ganz und gar nicht aussieht, wird sich die Inflation aller Voraussicht nach verfestigen und ein Niveau erreichen, das die Preissteigerungen als Folge der Coronamaßnahmen mickrig aussehen lassen wird.

Ein Totalzusammenbruch ist unwahrscheinlich; aber die fetten Globalisierungsjahre könnten vorerst vorüber sein.

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