Seit Jahrhunderten inspiriert die Natur die Kunst. Gemälde, Sinfonien und Lyrik wurden ihr gewidmet. Ludwig van Beethovens 6. Sinfonie »Pastorale«, Antonio Vivaldis »Die vier Jahreszeiten«, das Lebenswerk des Malers Gustav Klimt, Fritz Overbecks Malereien der bremischen Landschaft; die Liste naturinspirierter Kunst reicht aus, um hunderte Seiten zu füllen. Johann Wolfgang Goethe schrieb dieser besonderen Beziehung sogar ein eigenes Gedicht, »Natur und Kunst«:

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen,
Und haben sich, eh’ man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

In der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik wurde die Natur zu einem wesentlichen Bezugspunkt. Während die Industrialisierung um die Zeitgenossen herum an Fahrt aufnimmt, sehnt man sich nach dem Ursprünglichen – in der Natur meint man außerdem, das Mystische zu finden, was in der rationalisierenden Aufklärung verlorenging. Die Thematisierung einer Umweltkrise findet man in der Lyrik und den Gemälden der Romantiker selten bis gar nicht. Das die Natur umwälzende Industriesystem zieht gerade erst am Horizont auf, seine Auswirkungen auf die Umwelt sind Anfang des 19. Jahrhunderts noch vergleichsweise gering.

Heute hat sich das geändert. Auf dem gesamten Globus lassen sich unvermittelt Orte finden, die von den Industrie- und Konsumgesellschaften nutzbar gemacht wurden. Von den schwindenden Urwäldern Indonesiens über die Ölfelder Venezuelas bis hin zu den Waldrodungen in Finnland – die Naturzerstörung springt uns ins Gesicht.

Kein Wunder, daß dies an der kontemporären Kunst nicht spurlos vorübergeht. In dieser speziellen »Unterkategorie« der hauptsächlich von Kehre-Autor Max Schmid geführten Kolumne sammle ich Kunst, insbesondere Musik, die sowohl von der Natur inspiriert ist als auch die Umweltkrise thematisiert. Wie Sie sehen und hören werden, beinhaltet das unter anderem aggressiven Deathcore, der den Aufstieg des »Schwarzen Mammuts« anprangert, neoromantischen Folk-Black-Metal aus Schottland und zum Ausgleich für die nach diesem Genuß Gebeutelten, denen der Sinn nach mehr Harmonien als Dissonanzen steht, ein Paradestück romantischer, von der heimischen Natur inspirierter Sinfonik.


Der Titel des vierten Albums des US-amerikanische Deathcore-Sechsers aus dem Bundesstaat New Jersey, FIT FOR AN AUTOPSY, zeigt gleich, wo die Reise hingeht: The Great Collapse. Düster und apokalyptisch walzt die Wand aus tiefergestimmten und maximalverzerrten Gitarren, knallendem Bass und gutturalem Gesang über den Hörer hinweg – die Texte zeichnen das Bild eines totalen (ökologischen) Zusammenbruchs. Jedes Lied auf der Platte ist eine in Brutalität gegossene Anklageschrift; der musikalische Stil läßt Mäßigung nicht zu, es regiert die Abrißbirne. Die Eingangszeilen aus Track Nr. 4 »Terraforming« sind unmißverständlich:

When the world is empty of souls, it will become so clean
Silent death
Assimilation 
Hammers of seven hells fall from above
Settle the final debt, forced adaptation
Void of regret, absent of love
Subdue the lands until they bow at the broken will of man
Inescapable fate
The earth will swallow all that it can, until it finally reclaims the hell we create
When the world is empty of souls, it will become so clean

Aus dem Verwüstungsfeldzug sticht derweil ein Lied heraus: »Black Mammoth«, zu deutsch »Schwarzes Mammut«, das den Ölhunger der Industrie- und Konsumgesellschaften westlicher Provenienz und seine Folgen anprangert. In der ersten Strophe den Verlust der Seele

Fools gold, siphoned and sold, merchants of death
Dead in spirit, now dead in flesh
Fools gold, siphoned and sold, merchants of death
Dead in spirit, now dead in flesh


und die Verheerung der Landschaften


Born of violent flames, landscapes of ashes
The roots soak up the rain, burning in acid
The wounds are cauterized, and left un-bandaged
Wilting beneath a sun, withered and damaged


Tragedy reigns forever

in der zweiten Strophe die Gier, Kaltblütigkeit und Verrohung

Tread on sacred terrain, envenomed and ravaged
The peace upon the plains, seized by the savage
Primitive practices, uproot and vanish
Modern barbarians, new rite of passage

Im Höhepunkt des Refrains erhebt sich das Schwarze Mammut aus der Asche einer unter dem Jubel der Massen zerstörten Welt:

Rejoice in masses
The tribe collapses
The mother weeps in her dying breath
Rise from the ashes
Oh foul black mammoth
Dead in spirit, now dead in flesh

Zieht man Rückschlüsse aus dem dazugehörigen Musikvideo, so ist davon auszugehen, daß FIT FOR AN AUTOPSY ihre Inspiration für das Lied aus den Geschehnissen rund um den Bau der Dakota Access Pipeline – einer Ölpipeline von 1886 km Länge, die seit 2017 in Betrieb ist und Schieferöl aus der Bakken-Formation in North Dakota nach Illinois transportiert – zogen. Die unterirdisch gelegte Pipeline verläuft unter dem Lake Oahe, einem wichtigen Wasserreservoire für die Region und die angrenzenden Indianer-Reservate, und dem Missouri River, was zu erbitterten Protesten seitens der indianischen Stämme gegen das Projekt führte.

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Der Protest war für die US-amerikanische Linke ein gefundenes Fressen, die ihn geschickt für sich zu nutzen wußte und mit ihrer typischen antiweißen Rhetorik auflud. Diese Vereinnahmung der Dakota Access Pipeline Protests kann als Paradebeispiel dafür gelten, was Armin Mohler 1977 in seinem Artikel »Zwölf Thesen zur Öko-Klage« in der Zeitschrift Criticón an den Öko-Bewegungen kritisch beäugte und die »ökologische Idee krank machte«:

Im grünen statt roten Gewand kamen nun die Revolutionäre aus Prinzip einher, die schon lange niemanden mehr mit dem angeblichen Elend der Industriearbeiterschaft rühren können, auch der Vietnamkrieg ist vorbei – so muß denn der Mord an den Robbenbabies der Beweis dafür sein, daß die Gesellschaft verbrecherisch ist.

Leider schwingt diese linke Schuldsystematik auch bei FIT FOR AN AUTOPSY mit – was will man auch beim aktuell dominanten Zeitgeist in den USA anderes erwarten? Ungeachtet dessen bleibt The Great Collapse und besonders »Black Mammoth« ein gewaltiges Stück öko-inspirierter Musik.


Wenn auch musikalisch auf ähnlichen Pfaden unterwegs, ist das folgende Stück des Black-Metal-Soloprojekts des Schotten Andy Marshall, SAOR (Gälisch für »frei«), etwas anders gelagert als der Verwüstungsfeldzug der US-Amerikaner. Während FIT FOR AN AUTOPSY sich auf die Zerstörungswut der Moderne konzentrieren, stellt Marschall die Heimat in den Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens. Die schottische Natur in enger Verwobenheit mit Tradition und Geschichte der schottischen Nation sind zentrale Bezugspunkte der Lieder von SAOR.

Bereits der Titel und Text des ersten Liedes des gleichnamigen Debütalbums Roots (Wurzeln) stellen dies unter Beweis:

Buried in this soil
Are roots that go deep
Like scars etched in the earth
Ancient wounds, a reminder
Of a distant age
When the heart of the mountain
Pounded in every proud mans chest
Of forgotten oath
When blood and honour
Spoke to every true man’s sou
l

“Scotia’s thistle guards the grave
Where repose her dauntless brave
Never yet the foot of a slave
Has trod the wilds of Scotia” *

Never forget
Their sacrifice

Die Melancholie eines langsamen Zerfalls, der Kappung ebenjener Roots, das Bedauern über »forgotten oaths« ist im Werk des Schotten omnipräsent. Auch die Single-Auskopplung »Bròn« (Gälisch für »Trauer«) seines neusten Albums Forgotten Paths atmet diesen Weltschmerz:

There’s deer upon the mountain,
There’s sheep along the glen,
The forests hum with feather,
But where are now the men?
Here’s but my mother’s garden
Where soft the footsteps fall,
My folk are quite forgotten,
But the nettle’s over all.

O! Black might be that ruin
Where my fathers dwelt so long,
And nothing hide the shame of it,
The ugliness and wrong;
The cabar and the corner-stone
Might bleach in wind and rains,
But for the gentle nettle
That took such a courtier’s pains.

The friends are all departed,
The hearth-stone is black and cold,
And sturdy grows the nettle
On the place beloved of old.

Hier das Musikvideo zu »Bròn«, das durch atemberaubende Naturaufnahmen besticht:

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Für all diejenigen, denen die vorangegangene Musik ein Zuviel an Gegrunze, Geschrammel, Gekreische und Gepolter gewesen ist, gibt es zum Ende noch die Beruhigungspille in Form Klassischer Musik bzw. romantischer Programmmusik. Bedřich Smetanas sinfonischer Zyklus Mein Vaterland sollte den meisten Lesern dieses Blogs ein Begriff sein, ungeachtet dessen sei er hier aufgrund seine besonderen Verbindung von Natur und Nation hervorgehoben.

Smetana als »Begründer der tschechischen Nationalmusik« verwebt in diesem Zyklus die Besonderheiten seiner heimischen Natur mit dem Mythos der tschechischen Nation. Dabei sticht speziell der zweite Teil des Zyklus »Die Moldau« hervor, deren Flußlauf Smetana musikalisch pompös nachzeichnet. Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung Herbert von Karajans vermochten, das »Fließende« und »Erhabene« in der Komposition Smetanas formidabel wiederzugeben:

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1 Kommentare “Öko-Fundgrube (8) – Oecologica in Musica (I)”

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