Nachhaltiges Aussterben

Mit jeder Art, die wir verlieren, reißt eine Kette des Lebens, die über 3,5 Millionen Jahre gewachsen ist.

(Jeffrey McNeely, leitender Wissenschaftler der Weltnaturschutzorganisation IUCN – The International Union for Conservation of Nature)

Insgesamt fünf große Massenaussterben gab es in den letzten 500 Millionen Jahren. Eines der bekanntesten ist das der Dinosaurier vor etwa 66 Millionen Jahren – vermutlich durch einen Meteoriteneinschlag. Big Five werden sie genannt und sind vergleichbar mit dem gegenwärtigen sechsten Aussterben, das diesmal allerdings nicht von einer Naturkatastrophe, sondern vom Menschen verursacht wird. Dabei hat die von uns ausgelöste Artenvernichtung extreme Ausmaße erreicht. Sie ist mit einer der Gründe, warum mehrere Wissenschaftler seit Jahren dafür plädieren, unsere Zeit um die Jahrtausendwende als den Beginn eines neuen Erdzeitalters, als Anthropozän (altgriechisch für „das menschlich gemachte Neue“) festzulegen.[1]

Ihr Argument: Der Mensch ist zum bestimmenden Faktor für das globale Ökosystem geworden und hat die Erde grundlegend für seine Bedürfnisse verändert. Wie nie zuvor in der Erdgeschichte hat er innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes intakte Lebensräume zerstört und damit das Überleben vieler Tier- und Pflanzenarten nicht nur gefährdet, sondern unzählige Arten bereits vollständig ausgerottet. Neueste Erhebungen gehen davon aus, daß die derzeitige Aussterberate von bis zu 150 Arten pro Tag um den Faktor 100 bis 1000 über dem natürlichen Wert liegt. Der ermittelte Grenzwert für das verkraftbare Aussterben von Arten ist laut einer Studie des Stockholm Resilience Centre von 2009 bereits um über 1000 Prozent überschritten und damit noch vor dem Klimawandel das größte ökologische Problem.[2]

Tod von oben für die Artenvielfalt: Ein Flugzeug besprüht ein Feld in der Region Palouse (Vereinigte Staaten) mit Pestiziden. (Photo: Carolyn Parsons/CC-BY-SA-4.0)

In seinem ersten globalen Bericht zum Zustand der Artenvielfalt zeichnet der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) im Mai 2019 ein dramatisches Bild: Von den geschätzten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit (diese Zahl mag gering erscheinen, jedoch geht es um Arten und nicht um Unterarten oder Rassen) sei rund eine Million vom Aussterben bedroht und mehr als 500 000 Arten werden als dead species walking bezeichnet. Damit sind Tiere und Pflanzen gemeint, deren Lebensräume so stark verändert oder geschrumpft sind, daß sie langfristig chancenlos sind, zu überleben.[3]

Die Spur des Menschen

Vor etwa 10 000 Jahren lebten schätzungsweise fünf Millionen Menschen auf unserer Erde (so viele bzw. so wenige wie die aktuelle Einwohnerzahl von St. Petersburg), in der Zeit um Christi Geburt waren es rund 250 Millionen. Jahrhundertelang stagnierte die Bevölkerungszahl – erst um das Jahr 1500 hatte sie sich auf eine halbe Milliarde verdoppelt. Es ist daher davon auszugehen, daß der Mensch als biologische Art über eine Zeitspanne von rund 150 000 Jahren völlig in die natürliche Vielfalt eingebunden blieb.

Nach dem Jahr 1700 setzte allerdings ein rapides Bevölkerungswachstum ein und 1804 überschritt die Weltbevölkerung ihre erste Milliarde. 1960 waren es dann 3 Milliarden, die innerhalb von nur 60 Jahren auf 7,8 Milliarden Menschen im Jahr 2020 anwuchsen. Nach den jüngsten Prognosen der Vereinten Nationen werden bis Ende des Jahrhunderts knapp 3 Milliarden weitere Menschen hinzukommen.[4] Das würde die bereits ablaufende ökologische Katastrophe noch einmal verschärfen, da schon jetzt Ressourcen und Raum für Ernährung, Baumaßnahmen und Infrastruktur (Versiegelung/Flächenfraß) im Übermaß verbraucht werden. Auch die letzten verbliebenen Schatzkammern der Artenvielfalt würden verschwinden.

Besonders problematisch ist in diesem Zusammenhang, daß bisher auf einem niedrigen Verbrauchsniveau rangierende Länder zu den europäischen Hochenergieländern aufschließen und damit die Katastrophe zusätzlich beschleunigen werden. Die Übernutzung der Natur, d. h. die „ökologische Tragfähigkeit“, ist zum größten Problem geworden, lokal und global. Dabei bezeichnet „ökologische Tragfähigkeit“ die maximale Zahl an Organismen, Arten oder Populationen, die in einem Lebensraum (Biotop) existieren können, ohne diesen nachhaltig zu schädigen.

Durch Rodung beispielsweise für Palmölplantagen schrumpft der Lebensraum des Borneo-Orang-Utans rapide. Die IUCN listet die Art als „stark gefährdet“.

Währenddessen ist Deutschland bereits weit über die Grenzen der „ökologischen Tragfähigkeit“ bevölkert. Schon in den 1980er Jahren versuchte man Herbert Gruhl, den letzten großen konservativen Ökopolitiker sowie Gründer der Grünen und später der ödp (damals noch kleingeschrieben), als „Rechtsabweichler“ ins gesellschaftliche Abseits zu stellen, da er sich in seinem unbestechlichen Weitblick aus ökologischen Gründen gegen die Einwanderung nach Deutschland ausgesprochen hatte. Diesem Urteil schloß sich der Bevölkerungsexperte Dr. Wolfram Ziegler in einem Interview aus dem Jahr 2007 an: „In Deutschland dürfte es nur ein Zehntel der Menschen geben!“[5] Der Beifall für diese Aussage hielt sich erwartungsgemäß in Grenzen und auch heute noch ist die Problematik der Überbevölkerung ein Tabuthema, das man lieber ausspart, statt es problemorientiert in den Fokus zu nehmen.

Das leise Sterben in Feld und Flur

Das 1962 erschienene Buch Der stumme Frühling (Originaltitel Silent Spring) der amerikanischen Zoologin Rachel Carson wird häufig als Auslöser von weltweiten Umweltbewegungen eingeordnet, da diese erstmalige Zusammenfassung der durch den Einsatz von Schädlingsgiften hervorgerufenen massiven Schäden in der Natur das Bewußtsein für Umweltprobleme, insbesondere in der US-amerikanischen Bevölkerung, stiftete.[6] Im Fokus von Carsons Recherchen stand damals das Insektizid DDT, das seit den 1940er Jahren als Kontakt- und Fraßgift eingesetzt wurde. Auch wenn DDT inzwischen verboten ist, so vernichten weltweit weiterhin andere, von Agrarmultis und Großkonzernen entwickelte Herbizide und Insektizide die Vielfalt der Natur – Glyphosat sei hier nur als ein aktuelles Beispiel genannt.

Es besteht kein Zweifel: Die industrialisierte und intensivierte Landwirtschaft mit ihren Insektiziden und Pestiziden hat intakte Kulturlandschaften um den ganzen Globus verödet. Die Art und Weise der Landnutzung, die wiederum direkt an das exorbitante Bevölkerungswachstum gekoppelt ist, hat zum rapiden Artenschwund in Feld und Flur maßgeblich beigetragen. Darüber hinaus beschränken sich die Auswirkungen moderner Landwirtschaft nicht nur auf ihre unmittelbare Umgebung, sondern reichen bis an den Äquator.

Beispielsweise werden Jahr für Jahr mehrere Millionen Hektar höchst artenreicher Tropenwälder in Südamerika vernichtet, um Soja-Viehfutter für Europa zu produzieren.[7] Doch eine radikale Agrarreform mit Rückbesinnung auf natürliche und nachhaltige Produktionsweisen, die einen Schutz von Wasser, Boden, Wäldern und der Artenvielfalt bedeuteten, ist nicht in Sicht – weder weltweit noch regional. Unter den derzeitigen Bedingungen wäre sie schlicht illusorisch, da sie die Menge an Menschen auf der Erde nicht ernähren könnte, ohne wesentliche Nachhaltigkeitsparameter zu verletzen.

Außerdem übt die von der Bundesregierung ab 2011 mit Nachdruck forcierte Energiewende weiteren Druck auf den Agrarsektor aus: Für den Betrieb von Biogasanlagen (Biomasse) mußten beispielsweise Ackerbrachen und Blühwiesen mit ihren Wildkräutern und den darin lebenden Tieren dem Anbau von Mais- und Rapsmonokulturen weichen. Damit schrumpfen die Lebensräume für Rebhuhn, Feldlerche, Kiebitz, Goldammer und anderer Feldvögel. In Deutschland nahm der Bestand der Kiebitze zwischen 1990 und 2013 um 80 Prozent ab, die Zahl der Feldlerchen sank um 35 Prozent. Bei den Rebhühnern sieht es katastrophal aus: Ihr Bestand hat zwischen 1990 und 2015 um alarmierende 84 Prozent abgenommen.[8]

In weiten Teilen Deutschlands vom Aussterben bedroht: der Feldhamster. (Photo: SgH Vienna/CC-BY-SA-4.0)

Beispielhaft für den Niedergang der Artenvielfalt ist auch ein noch vor wenigen Jahrzehnten massenhaft vorkommender Bewohner von Feld und Flur, der Feldhamster, der sich in Deutschland leise verabschiedet. Seine Lebensräume – kleinstrukturierte Äcker mit unterschiedlichen Feldfrüchten und Getreidefelder mit Mohnblumen – sind eine Seltenheit geworden. Dagegen prägen maschinengerechte und pestizidbelastete Monokulturen auf Großflächen unser heutiges Landschaftsbild. Die kleinen Nager und liebenswerten Eigenbrötler gehören inzwischen zu den am stärksten bedrohten Säugetierarten Deutschlands.

In Bayern beispielsweise haben sich die Feldhamster-Bestände von 2017 bis 2019, also innerhalb von nur zwei Jahren, mehr als halbiert – die Industrialisierung von Ackerbau und Nutztierhaltung hat ganze Arbeit geleistet. Geradezu dramatisch ist das Artensterben der Insekten: Weltweit sind bis zu 40 Prozent der Fluginsekten, wie (Wild-)Bienen, Schmetterlinge und andere Bestäuber, bereits vom Aussterben bedroht. In Deutschland nahm die Gesamtmasse der Insekten seit den 1990er Jahren sogar um mehr als 75 Prozent (!) ab.[9] Das hat unweigerliche Rückkopplungswirkungen auf Vögel, Amphibien und andere Arten, da bei einer niedrigeren Bestäubungsrate die Nahrungsquellen knapper werden.

Zu einfach macht es sich jedoch derjenige, der die Verantwortung hierfür allein den „Energielandwirten“ in die Schuhe schiebt. Was für ein Potential an natürlichen Lebensräumen könnte zum Beispiel allein durch die hierzulande rund 35 Millionen Gartenbesitzer (79 Prozent aller Haushalte verfügen über einen Garten oder andere Außenflächen) geschaffen werden, wenn wieder lebendige Hecken, (Obst)-Bäume, artenreiche Blühpflanzen oder Wandbegrünungen gepflanzt würden. Stattdessen zeichnen sich etliche Gärten durch botanische Eintönigkeit aus oder werden im schlimmsten Fall zu sterilen Steinwüsten versiegelt – pflegeleicht und einfältig, statt natürlich und vielfältig.

Artensterben in den Meeren

Währenddessen macht das große Artensterben auch nicht vor den Ozeanen halt. Zu etwa 70 Prozent ist unsere Erde von Wasser bedeckt und erst weniger als 10 Prozent der weltweiten Meere sind bisher erforscht. Was wir jedoch wissen, ist daß es den Bewohnern der bislang erforschten Gewässer extrem schlecht geht.

Denn hier hat der Mensch ebenfalls dramatisch in das Ökosystem eingegriffen: Mehr als 60 Prozent der Gewässer sind überfischt: Seit den 1970er Jahren ist die Population der meisten Fischarten um mehr als die Hälfte zurückgegangen.[10] Das liegt daran, daß der industrielle Fischfang zuviel Fisch entnimmt und zeitgleich die notwendigen Schonungszeiten der jeweiligen Bestände nicht einhält, also das klassische Nachhaltigkeitsprinzip eklatant verletzt.

Berg von gefangenem Dornhai – seine Bestände sind stark überfischt und er steht auf der Roten Liste gefährdeter Arten.
(Photo: John Wallace/PD US NOAA)

Weniger bekannt ist, daß beispielsweise 25 Prozent der Meeresbewohner direkt von und mit den Korallen leben. Sterben die Korallenriffe ab, bedeutet das zeitgleich das Ende für die in ihnen lebenden Bewohner. Ein weiteres großes Problem ist die immense Meeresverschmutzung: Pro Jahr landen rund 10 Milliarden Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen mit fatalen Folgen für das Ökosystem. Schwimmende Plastikteilchen oder Plastiktüten werden oft mit Nahrung verwechselt, die in den Mägen von Seevögeln, Seehunden, Schildkröten und anderen Meerestieren landen, die dann elendig zugrunde gehen. Das ganze Ausmaß wird im Nordpazifik deutlich: Dort treibt ein Müllstrudel, der Great Pacific Garbage Patch, welcher inzwischen so groß ist wie Mitteleuropa.[11]

Blick in eine düstere Zukunft

Der Weltrat zur Artenvielfalt legte im Mai 2019 seine offizielle Bestandsaufnahme vor, in der er ein katastrophales Bild zeichnet – ein Spiegelbild von Gier und ungezügeltem „Fortschritt“. Es ist die ökologische Quittung für eine Wirtschaft, die vor lauter globalem Wettbewerb und Wachstum vergessen hat, daß natürliche Ressourcen ihre Grenzen haben. Auch wenn es hinreichend Kritiker und Warner gibt, ihre Stimmen laufen ins Leere: Die Liste der gefährdeten oder aussterbenden Arten wird immer länger.

Und die neueste Strategie der Wachstumsprotagonisten, um die angehäuften Umweltschulden zu mindern, ist das Setzen auf Entkoppelung von ökonomischem Wachstum und Energieverbrauch. Verbunden mit einem „Wachstum der Grenzen“ – das mit erneuerbaren Energien und E-Mobilität „nachhaltig“, „ökologisch“ und „smart“ erfolgen soll – meint man, die „ökologische Tragfähigkeit“ eines in sich maßlosen Systems herstellen zu können.


[1]     Vgl. Titz, Sven: „Ein gut gemeinter Mahnruf“, in: nzz.ch vom 4. Oktober 2016, https://www.nzz.ch/wissenschaft/klima/ausrufung-des-anthropozaens-ein-gut-gemeinter-mahnruf-ld.126251, Zugriff am 19. Mai 2020.

[2]     Rockström, Johann et al. (2009): „Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity“, in: Ecology and Society 14 (2), S. 32.

[3]     IPBES (2019): Summary for policymakers of the global assessment report on biodiversity and ecosystem services of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, Bonn (IPBES Sekretariat).

[4]     UN Department of Economic and Social Affairs (2019): World Population Prospects 2019 – Highlights, New York (Vereinte Nationen), https://population.un.org/wpp/Publications/Files/WPP2019_Highlights.pdf, Zugriff am 1. Juni 2020.

[5]     Ziegler, Wolfram (2001): „Das Abendland und die Schatten des demographischen Problems”, in: Naturkonservativ heute 2001.

[6]     Carson, Rachel (2019): Der stumme Frühling (5. Auflage), München (C. H. Beck).

[7]     Kohler, Sandra: „Wer Soja isst, zerstört den Regenwald“, in nzz.ch vom 14. Juli 2014, https://www.nzz.ch/panorama/montagsklischee/soja-wird-hauptsaechlich-fuer-tierfutter-produziert-1.18335485, Zugriff am 2. Juni 2020

[8]     Deutscher Bundestag (2017): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Steffi Lemke, Harald Ebner, Annalena Baerbock, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Drucksache 18/12195, Köln (Bundesanzeiger), http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/121/1812195.pdf, Zugriff am 2. Juni 2020

[9]     Hallman, Caspar A. et al. (2017): „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas”, in: PLOS ONE.

[10]   World Ocean Review (2010): Mit den Meeren leben – ein Bericht über den Zustand der Weltmeere, Hamburg (mare), S. 120-121.

[11]   NABU: Zehn Fakten zum Thema Müll im Meer, https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/meere/muellkippe-meer/16805.html, Zugriff am 2. Juni 2020.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.